Kunst kommt von können - oder?

Malewitsch

Rothko

Polke

Die ewige Frage: Kommt der Begriff Kunst von "können" ?

Meist soll die Frage gar nicht als solche verstanden werden sondern als Faktum: Kunst kommt doch von "können", malen können, zeichnen können, und zwar richtig, oder ?

 

Dazu drei Thesen:

These 1: Kunst kommt von "können".

Oft wird das dann geäußert, wenn wieder einmal ein Werk formal und oder farblich sehr einfach ausgeführt zu sein scheint und der Fragesteller eigentlich meint: Das kann ich auch! Denn zur Schaffung des "corpus delicti" bedarf es keiner großen Fähigkeiten.

Als Beispiele hierzu seinen genannt: Das schwarze Quadrat von Malewitsch, die Farbfeldmalerei von Rothko oder das Werk von Sigmar Polke mit dem Titel: "Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen."

 

Natürlich kann (nahezu) jeder ein rein schwarzes Quadrat malen. Dazu ist kein besonderes "Können" nötig, gemeint sind handwekliche Fertigkeiten  wie "Farben mischen" oder "sauber mit dem Pinsel auftragen". Daraus zu schließen, das schwarze Quadrat von Malewitsch sei keine Kunst, ist jedoch zu kurz gesprungen.

 

1. Das Werk wurde von einem Menschen willentlich, zielgerichtet gestaltet, das ist das grundlegende Kriterium für Kunst. Was sollte es sonst sein?

 

2. Wenn es Kunst ist, dann bleibt noch, über die Qualität des Werkes zu sprechen. Die handwerkliche Ausführung eines Werkes ist natürlich ein Kriterium für gute oder schlechte Kunst. Da im vorliegenden Fall die handwerkliche Fähigkeit, das "Können", gering ist, könnte man versucht sein, auch dem Werk eine geringe Qualität zuzuschreiben, es damit sozusagen an den untersten "Rand" von Kunst zu drängen.

 

Doch auch das ist zu kurzsichtig. Denn "handwerkliches Können" ist zwar ein Merkmal zur Beurteilung von Kunst, aber weder das einzige, noch das entscheidende. Zur Beurteilung müssen grob vier Kriterienblöcke herangezogen werden: Inhalt, Form, Status und Zielsetzung. Und jeder dieser Blöcke enthält wiederum eine Reihe von Unterkriterien.

Erst das Zusammenspiel aller Bewertungen erlaubt eine Aussage über die Qualität der Kunst. Und dann kann auch die Frage beantwortet werden: Hättest Du das mit deinen Fähigkeiten, mit deinem Wissen, zu jener Entstehungszeit gekonnt, hättest du überhaupt die Zielsetzung wie der Künstler gehabt?

 

Die Zielsetzung von Malewitsch war es, das Ende der Abstraktion zu zeigen. Also: Treibt man die Abstraktion in der Kunst immer weiter, entkleidet man sie also jeglicher Form und jeglicher Farbe, so entsteht zwangsläufig eine schwarze, uferlose Fläche. Malewitsch sagte hierzu: " „Als ich 1913 den verzweifelten Versuch unternahm, die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien, stellte ich ein Gemälde aus, das nicht mehr war als ein schwarzes Quadrat auf einem weißen Grundfeld.  ... Es war  ... die Empfindung der Gegenstandslosigkeit.“

 

Also kann man zusammenfassen:

Wenn die These Kunst kommt von "können"! richtig sein soll, so darf unter "können" nicht alleine das handwerkliche Können verstanden werden. Vielmehr ist das gesamte künstlerische Können heranzuziehen, worunter sowohl handwerkliches als auch geistiges Können zählen.

 

 

These 2, die Antithese: Kunst kommt von "künstlich".

Zieht man in der Betrachung über den Inhalt des Wortes Kunst noch das Lateinische zu Rate, so stößt man auf das Wort "ars", wieder zu finden im Italienischen, Spanischen, Französischen oder auch Englischen: arte, l'art, art. Davon abgeleitet ist wiederum das Wort "artificielle" oder "artificial", also "künstlich", als deutsches Fremwort existiert "artifiziell", was das genaue Gegenteil von natürlich bedeutet.

 

Damit sind wir aber wieder bei der Kunst gelandet, denn sie definiert sich als das vom menschlichen Willen zielgerichtet gestaltete Werk, und nicht das auf natürlichem Wege entstandene Objekt.

 

Also doch: Kunst kommt von "künstlich" !

Aber was gilt nun: "können" oder "künstlich" ?

 

These 3, die Synthese: Kunst hängt mit "können" UND "künstlich" zusammen.

Denn geht man der Wurzel des lateinischen Begriffs "ars" nach, so findet man dort wiederum das "Können", die "Fähigkeit". Wichtig dabei ist nur, dass damit nicht eine handwerkliche Fähigkeit gemeint war, sondern eine weit darüber hinaus gehende, allgemeine Fähigkeit, z.B. in dem Wort "ars vivendi", die Lebenskunst, oder in "ars amandi", die Liebeskunst.

 

Damit läßt sich auch "künstlich" letztendlich auf "können" zurückführen. Nur nicht im engen Sinne einer Handfertigkeit, sonder im Sinne mehrerer geistiger und körperlicher Fähigkeiten.


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